Schreiben in Non Native English

 

Warum schreibe ich in Englisch?

Diese Frage möchte ich hier erörtern, denn als Deutscher müsste ich eigentlich auf Deutsch schreiben. Es ist ja nichtmal so, daß ich ausgewandert wäre und nach Jahrzehnten der Gewöhnung im fremden Land nun auch in der Landessprache schreibe. Nein, ich bin Deutscher und habe mein ganzes Leben in Deutschland gelebt und, bis auf recht wenige Urlaubsfahrten, auch hier verbracht.

Ich habe mich nicht dazu entschieden, auf Englisch zu schreiben. Die Geschichte schwebte mir schon seit Jahr und Tag vor, und ich wartete immer auf den Tag, an dem ich den rechten Ansatz finden möge um zu beginnen. Und als ich dann an jenem Abend den Stift in die Hand nahm und dachte, ich fang einfach mal an, da schrieb ich auf Englisch, weil die Sätze, die ich im Ohr hatte und aufschreiben wollte, auf Englisch waren. Natürlich steht da eine Geschichte hinter, aber die Begründung, warum ich Englisch schreibe, kann ich nur hinterher geben, es gibt keinen Grund, aus dem heraus die Handlung passiert, sondern nur einen Grund, der die schon passierte Handlung erklären kann. Und das ist vielschichtig.

 

Zunächst mal habe ich, mein Nachname deutet es an, durchaus einen englischen Hintergrund. Mein Vater war noch geborener Engländer, obwohl auch er Englisch nur als Fremdsprache beherrschte, nachdem er sein in den ersten Lebensjahren erworbenes Englisch im deutschen Haushalt lebend wieder vergessen hatte. Auch ich tat mich lange schwer mit Englisch und verstand es nur mangelhaft. Als Musiker hat man natürlich immer wieder mit englischen Songtexten zu tun, und manche Lieder ließen sich schon immer besser mit englischen Texten schreiben, aber damals empfand ich das als entfremdet und bemühte mich darum, deutsche Texte zu schreiben, was ich dann auch tat. Meine eigentliche Liebesbeziehung mit dem Englischen fängt viel später an. Ich begann, englische Bücher im Original zu lesen und die Filme die wir guckten auf Englisch zu sehen, einfach weil es Spaß machte, dem Original zu folgen. Synchronisationen klingen übel, Übersetzungen sind wie eine Plexiglasscheibe zwischen Rezipient und Werk. Es hat mir Spaß gemacht, mich mit der Sprache auseinanderzusetzen. Nicht zuletzt, weil auch die Rückbesinnung auf die plattdeutsche Mundart eine nähere Verbindung zum Englischen offenbart. Das Englische ist eine germanische Sprache, die vor 1500 Jahren von unseren Vorfahren, den Sachsen (nicht zu verwechseln mit den heutigen Sachsen) und Angeln, also den Bewohnern des heutigen Niedersachsens und Schleswig- Holsteins, mit auf die Insel gebracht wurde. Das Urgermanische wurde weich gemacht durch die keltischen Sprachen der Briten und ergänzt durch mannigfaltige Einflüsse aus Frankreich und den skandinavischen Ländern. Auf diese Weise hat das Englische seinen Ausdrucksreichtum erhalten und ist eine Sprache zum Verlieben. Aber das alleine erklärt nicht, warum ich Englisch schreibe.

Andere Gründe kommen dazu: Deutschland hat als Staat nur eine bedingte Souveränität, da brauchen wir gar nicht irgendwelche Theorien zu bemühen, sondern wir sind Teil der Europäischen Union, und als solcher unseren europäischen Nachbarn rechenschaftlich verpflichtet. Wie aber können wir als Europäer zu einer gemeinsamen Politik kommen, wenn wir noch nicht einmal eine gemeinsame Sprache haben? Ich empfinde es als beschämend, wenn Reden auf internationalem Parkett in der Landessprache gehalten werden. So baut man keine Gemeinsamkeit. Englisch als Verkehrssprache sollte überall dort selbstverständlich sein, wo nicht jeder die Landessprache beherrscht.

Das das gut funktioniert, habe ich im Urlaub in Wales gesehen: Überall wurde man auf Englisch angesprochen, aber untereinander redeten die Leute walisisch. Sie hatten überhaupt keine Probleme damit, zwei Sprachen zu beherrschen, eine für die Fremden, eine fürs Private. Ja, dachte ich mir, das wäre auch für uns eine Lösung. Als Norddeutsche haben wir unsere eigene Sprache, das Plattdeutsche, ja nahezu in Vergessenheit geraten lassen und das Plattdeutsche ist so gut wie tot. Wenn man aber in den Süden Deutschlands fährt, dann gerät man schnell in Gegenden, wo man die Leute schlicht nicht versteht, wenn diese sich keine Mühe geben, hochdeutsch zu sprechen. Sächsisch, bayrisch, schwäbisch sind Dialekte, die für uns nur dann zu verstehen sind, wenn sich der Sprecher um Deutlichkeit bemüht und Hochdeutsch redet. Es wäre in mancher Hinsicht leichter, dann auf das Englische auszuweichen. Hätten wir Englisch als Verkehrssprache, wären wir im Privaten wieder frei, unsere Dialekte auszuformen. Soweit die etwas krude und unausgegorene Theorie, die ich bei Bedarf auch gerne ergänze um einige Hasstiraden gegen die süddeutsche Besatzung des Nordens, die seit Karl dem Großen andauert und uns friedliebende Norddeutsche in drei verheerende Weltkriege (den Dreißigjährigen mitgezählt) geführt hat.

Aber warum nicht das Hochdeutsche, immerhin ist das Hochdeutsche ja eine Verkehrssprache, geeignet, mit ihr uns als Deutsche über die Grenzen der Dialekte hinweg verständigen zu können, erprobt und zu höchster Blüte gelangt in fünf Jahrhunderten reicher Geschichte?

Deutsch ist durchaus ambivalent zu betrachten. Auf der einen Seite ist Deutsch die Sprache des Deutens, deutlicher und klarer als im Deutschen wird man sich nur in den wenigsten Sprachen ausdrücken können. Deutsch ist deshalb nicht nur eine Sprache der Dichter, sondern auch eine der Wissenschaft und des Rechts. Schließlich ist sie auch eine Sprache der Bürokratie, und damit wird die Sache schwierig. Die deutsche Sprachentwicklung der vergangenen Jahrzehnte ist in vielen Bereichen in ein schiefes Fahrwasser geraten. Das die Fähigkeit zur Wortneuschöpfung weitgehend an das Amerikanische abgegeben wurde, ist als Globalisierungsfolge hinzunehmen, ebenso die kreolischen Entwicklungen, die die Tücken der Grammatik ausschleifen und ein vereinfachtes Deutsch zur Verfügung stellen. Beide Phänomene widersprechen nicht einer lebendigen Sprachentwicklung.

Die Bürokratie allerdings wird zum Problem. Wenn aus dem Kindergarten die Kindertagesstätte wird, aus einem Lehrling der Azubi, aus der Putzfrau die Raumpflegerin, dann sehen wir mehr als einen Verzicht auf Schönheit im Ausdruck: Wir sehen eine zunehmend bürokratisierte Welt, die mit bürokratischen Begriffen und Anforderungen in den Würgegriff genommen wird. Insbesondere seit Bestrebungen zur politischen Korrektheit in der Sprache von seiten der Bildungselite mit ideologischem Stursinn vorangetrieben werden, hört Deutsch auf, eine Sprache zu sein, in der es Spaß macht, sich zu verständigen. So fing ich an, gegenderte Artikel etwa auf Facebook nur noch Englisch zu kommentieren. Gleichzeitig wuchsen meine Bestrebungen, aus meiner deutschen Blase herauszukommen, und statt deutscher Seiten mich mit internationalen topics zu befassen.

 

Das alles kann nicht erklären, warum ich Englisch schreibe. Die Liebe zur Sprache ist das eine, die irritierende Entwicklung des Deutschen etwas anderes, aber etwas fehlt noch: Und das ist die Begegnung mit den Werken von Ursula K. LeGuin. Ihr Werk, das kaum jemand kennt, und das ich für aber mindestens gleichertig mit den Werken etwa von Tolkien oder Martin halte, hat mir das Englische noch einmal von einer ganz anderen Seite nahegebracht: Oft war ich erstaunt, wenn ich eine Wendung las, die soviel Deutscher daherkam, als Englisch eigentlich hätte sein dürfen. Und ich begriff jetzt erst, wie flexibel Englisch eigentlich ist. Ich hörte Shi Heng Yi, einen deutschen Mönch, seine englischen Vorträge halten, und ich begriff, daß der gute Mensch deutsch sprach und nur englische Worte benutzte. Auf einmal machte es keinen Unterschied mehr, ob auf Englisch oder Deutsch zu denken und zu schreiben. Letztendlich ist der Kern der Sprachen der Gleiche, und oft genug erscheint das Englische dann als eine Variante eines imaginierten Altsächsisch, das das Herz der Sprache vielleicht sogar noch besser bewahrt hat als das Deutsche selber. So wird es auf einmal denkbar, Englisch zu schreiben.

Denn noch ein Aspekt tritt hinzu: Die Gemeinschaft der Non native English Speaker ist größer als die Gemeinschaft der Native Speaker. Viele Menschen auf der Welt nutzen Englisch als Zweitsprache, und wann immer man Gelegenheit hat, mit Ausländern zu reden und diese Sprache zu benutzen, zeigt sich, daß man sich auf Englisch entspannt und gleichberechtigt unterhalten kann. Es ist einfacher, non native Speaker zu verstehen, sie benutzen weder Slang noch ausgefallene Worte, sie sprechen einfach und geradeheraus, und das Englische ist so eine Brücke zu allen Menschen der Welt, die sich auch darauf einlassen können.

Wenn ich Englisch als non native schreibe, kann ich trotzdem nicht darauf verzichten, asl Schriftsteller den Anspruch zu haben, sprachliche Innovationen zu betreiben. Ich kann kein Englisch schreiben, indem ich die grammatikalischen Regeln bis aufs letzte beherzige und im schulischen Sinne fehlerfrei bleibe. Das ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das kann ich getrost den Natives überlassen. Ich schreibe als Non Native für Non Natives, und mein Englisch ist ein deutsches Englisch, geprägt von meinem deutschen Denken. Oft nütze ich ein verkürztes Englisch, wie es etwa aus Filmdialogen geläufig ist, aber ich nütze nicht nur das, was ich kenne und von dem ich weiß oder hoffe, daß es richtig ist. Ich schreibe einfach auch auf, wie es mir aus dem englischen Mund fällt, und mache natürlich dabei auch Fehler, obwohl die meisten Fehler in dem Text bei genauerer Hinsicht nur eine eigene Ausdrucksweise ist, von der ich hoffe, daß andere Non Natives ihr gut folgen können. Wenn Natives dies lesen, werden sie über so manche Formulierung den Kopf schütteln. Ich werde nicht Englands größter Dichter werden, mit Sicherheit nicht, aber wenn die Story spannend genug ist, werden wohl auch Natives meiner Geschichte folgen wollen und können.

 

Damit sind die Gründe umrissen: Die Bestrebung zur Verbreitung einer internationalen Verkehrssprache. Protest gegen die deutsche Sprachentwicklung und Fürsprache für ein regionales Identitätskonzept, das Supranationalität und Heimatverbundenheit miteinander verbinden kann. Vor allem aber die Liebe zur englischen Sprache und zum Werk Le Guins (von der übrigens auch der Terminus „Near fast as light“ stammt), an das meine Arbeit anschließt. Und möglicherweise ist es auch tatsächlich so, daß der subjektive Blick, wie er mir als Erzählperspektive vorschwebt, im emotionaleren Englisch leichter zu realisieren ist als im stets überdeutlichem Deutschen. Wer weiß? Ich habe mich nicht dazu entschieden, Englisch zu schreiben, ich habe es einfach nur gemacht. Ich wünsche mir, daß auch Sie mir darin folgen können und Freude haben an dieser Ausdrucksweise.