Meine aktuelle Arbeit zum Tao Te King:

 

QI GONG INTERPRETATION DES TAO TE KING

ÜBERSETZUNG FREI NACH YANG

KOMMENTAR INSPIRIERT VON YANG

(Dao De Jing: A Qigong Interpretation

von Dr. Jwing-Ming Yang)

 

1

 

Das Dao ist das Dao; nichts nennt das Dao

Der Name ist der Name; nichts nennt den Namen

Das Nichtsein ist der Name des Schöpfers von Himmel und Erde

Das Sein ist der Name der Mutter der zehntausend Dinge

Darum

Bewahre das Nichtsein um sein Erscheinen zu erleben

Bewahre das Sein, um sein Vergehen zu erleben

Diese Beiden

dasselbe im Ursprung, gleich wunderbar und tief

das tiefe Wunder der Tiefe, das Tor zur Höhe

Kommentar:

 

Nichts und Sein sind zwei Aspekte desselben Dao

Obwohl sie zwei sind, sind sie eins.

Obwohl sie eins sind, sind sie zwei.

 

Es gibt eine Kraft, die aus dem Nichtsein Sein entstehen lässt.

Diese Kraft nennen wir Dao:

Gleichzeitig das Sein und das Nichtsein.

 

Das große Universum ist der Himmel und die Erde.

Das kleine Universum ist der menschliche Körper.

Wir sind Teil der großen Natur, aus ihr entsprungen, mit ihr verbunden.

 

Die Natur des Universums lässt sich an der Natur des Körpers nachvollziehen:

Aus dem Nichtsein entsteht das Sein:

Aus der Ruhe entsteht die Bewegung.

Wenn du übst, bringe erst deine Gedanken zur Ruhe,

damit dein Bewustsein (Shen) in der Mitte deines Gehirns erwachen kann. Neutral und ohne Gedanken bist du bereit, eine Bewegung zu beginnen.

 

Das Ziel des Taoisten ist es, den bewußten Geist, das Bewußtsein, mit dem großen Geist der Natur, also zu seiner eigenen Natur, wiederzuvereinigen.

 

 

2

 

Wo das Schöne erkannt wird

da gibts bald Verfall.

Wo das Gute sich zeigt

steht das Schlechte bereit.

Darum:

Nichtsein und Sein entstehen auseinander

Großes und Kleines formen einander

Aus Stille und Ton entsteht Harmonie

deshalb:

Der Weise tut nicht, er lässt geschehen

und lehrt ohne zu reden

Das Dao schenkt den Dingen ihr Leben

ohne zu besitzen

ohne Stolz

was getan ist, lass geschehen

und vergiß nicht das Weitergehen.

Kommentar:

 

Mit jeder Wertung unterwerfen wir uns einer emotionalen Matrix.

Wettbewerb entsteht und Streit.

Deswegen ist das Schöne und Hässliche,

das Gute und Schlechte so nah beieinander.

Das Dao lehrt, die Unterscheidung nicht zu machen,

denn beide entstammen demselben Ursprung und bedingen einander.

Frei von den Fesseln der Emotionalmatrix beginnen wir,

unser wahres Sein verstehen zu können.

So lernst du, deinen Geist zu regulieren.

 

 

Die Aufgabe, die sich aus diesem Kapitel ergibt, ist eine apriorische: Halte deine Emotionen aus deiner Übung heraus. Es geht nicht darum, gut zu sein oder schön zu erscheinen. Mach einfach nur Deine Übung. Was dir daraus erwächst, ist kein Grund zum Stolz. Du bist Teil des Werdens und Vergehens, und alles was du tun mußt, ist, genau das zuzulassen. Wenn du deinen natürlichen Platz einnimmst, geschieht alles so, wie es geschehen soll. Mehr ist es nicht. Du übst, um dir selber näher zu kommen, um diesen Platz besser einnehmen zu können. Übe also, um auf dem Weg zu gehen.

 

 

3              DAS QI BERUHIGEN

 

Sei nicht stolz und wetteifer nicht

Versuch nicht, das wertvolle zu bekommen

Sei nicht originell, verwirre nicht.

 

Der Weise lebt so:

Er leert den Kopf und füllt den Bauch

Er schwächt seinen Willen und stärkt seine Knochen.

Er weiß von nichts und hofft auf nichts.

Und was er weiß, das tut er nicht gebrauchen.

 

Das ist Wuwei, das Nichttun.

Es gibt nichts, das zu erreichen wäre.

 

Kommentar:

Erst mit der Einsicht in die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens kommt die Einsicht in die Notwendigkeit zu üben. Es geht nicht darum, gut zu sein, sich zu bemühen, das alles muß scheitern; es geht darum, sich jeden Tag ein Stückchen zu besinnen, sich in Erinnerung zu rufen, das nichts anderes die Knochen stärkt und dabei den Willen, das eigenmächtige Urteil, das eitle irrende Leben, in seine Grenzen zurückweist. Erst, wenn ich weiß, das ich nichts weiß, bin ich in der Lage dazu, mich frei und offen dem Unendlichen anzunähern. Erst, wenn es nichts zu erreichen gibt, bin ich frei, mich zu bewegen.

 

Das Qi wird gestärkt, wenn der Geist ruhig ist. Wenn das Herz klar ist und die Sorgen geschwunden, werden die Gedanken wirklich.

Den Bauch füllen heißt, den Geist im Inneren zu lassen und den Bauch mit Qi füllen. Das ist eine Anweisung zum Atmen: Halte die Gedanken ruhig und konzentriere dich auf den Bauch. Atme mit dem Bauch. Das ist das Herz des Wuwei.

Befreie dich von den Fesseln von Gier, Ehre, Reputation und Besitz, von Mögen und Ablehnen, Traurigkeit und Fröhlichkeit. Wenn dein Geist ausgeglichen und ruhig geworden ist, kannst du dein Qi im unteren Dantien schmieden und bewahren.

 

 

4              

 

Unendliches Dao

Durch Benutzung erschöpft es sich nicht

So tief

Die Mutter der zehntausend Dinge

 

Die Schärfe mach weich und runde die Kanten

Schein in Harmonie und schmück dich mit Staub

 

So wahr

Es scheint zu existieren

Ich weiß nicht, wes Kind es ist

Geboren vor dem Himmel

 

Kommentar:

Schärfe meint deine überschüssige Energie. Werde weich, um sie zu kontrollieren.

Die Kanten sind die Kanten deines Willens. Runde sie, um sie deiner Umgebung anzupassen.

Scheinen tut das Licht deines Geistes. Finde seine Harmonie und schmücke dich mit Staub, mache dich mit den Menschen gemein, um deine Wahrhaftigkeit nicht zu verlieren.

So kannst du dich mit deiner Natur verbinden und aus der unerschöpflichen Quelle des Dao schöpfen.

 

 

5               DIE PRIMÄRE TECHNIK:

IM ZENTRUM BLEIBEN

 

Himmel und Erde haben keine Emotionen

Für sie sind die zehntausend Dinge wie Strohpuppen

So haben auch die Weisen keine Emotionen

Für sie sind die Leute wie Strohpuppen

 

Der Raum zwischen Himmel und Erde

ist ein Schmelzofen

substanzlos, doch erschöpft er sich nicht

je mehr er sich bewegt, umso mehr schafft er.

 

Wer zuviel redet, entfernt sich vom Dao

Es ist besser, im Zentrum zu bleiben

 

Kommentar:

Der Raum zwischen Himmel und Erde, das bist du in deinem Körper. In deinem Körper ist der Raum zwischen Himmel und Erde der Raum zwischen dem Shen, deinem Geist im Tal zwischen den Gehirnhälften am limbischen System, und dem unteren Dantien, dem Sitz der Schmiede des Qi. Je mehr du diesen Raum bewegst, das heißt, je besser und tiefer du atmest, umso mehr Kraft hast du zur Verfügung. Zur Kultivierung dieser Art von Kraft ist es notwendig, daß Himmel und Erde ruhig sind, also Geist und Körper sich nicht ablenken lassen von den zehntausend Dingen, die nur Strohpuppen sind, Teile des ewigen Werdens und Vergehens.

Sitze still, denke nicht und atme tief. Das ist die primäre Technik des Dao.

 

Indem du Körper und Geist beruhigst, schaffst du den Raum, den du brauchst, um das Qi zu schmieden. Je kraftvoller und substantieller dein Atem wird, umso mehr Qi steht bereit. Mit genügend Qi kannst du dein drittes Auge öffnen und deinem Geist erlauben, höher zu schwingen.

 

6              DER URSPRÜNGLICHE GEIST

 

 

In der Mitte Deines Gehirns ist ein Tal, dort wohnt der Geist, der nicht stirbt

Er ist die ursprüngliche Mutter aller Dinge.

Die Tür ihn zu erreichen

ist die Wurzel von Himmel und Erde.

Er ist weich und stetig

und erschöpft sich nicht im Gebrauch.

Kommentar: Das Zentrum Deines bewußtseins ist klar zu verorten: Im Tal zwischen den beiden Gehirnhälften, das wie ein Resonanzraum fungiert. Dies ist der ursprüngliche Geist der Schöpfung, die Mutter aller Dinge.

Diesen Geist zu erreichen ist die Tür zum Verständnis.

Der Schlüssel ist die Natur, die aus ihm hervorgegangen ist: Das bist du in deinem Körper. Verstehe dich selbst und du verstehst die Welt. Erfahre, daß in dir eine Kraft wohnt, die reich und unerschöpflich ist.

 

QiGong ist der Weg, dies zu üben. Es geht beim QiGong nicht darum, Muskeln aufzubauen, sondern zu lernen, die innewohnende Kraft zu nutzen. Dies lernen wir über die Harmonie der Bewegung, die in einem guten Resonzraum immer müheloser gelingt. Unabhängig davon, ob wir mehr Kraft haben, steht uns so mehr Kraft zur Verfügung.

 

7              SELBSTLOSIGKEIT

 

Himmel und Erde leben ewig

Der Grund, warum sie so lange leben können

ist, daß sie nicht für sich selbst leben.

So sind sie fähig, ewig zu leben.

 

Deswegen halten es die Weisen so:

Sie stellen sich nach hinten, um vorne zu sein.

Unbesorgt um ihr eigenes Leben

können sie ihr Leben leben.

 

Ist dies nicht so, weil sie selbstlos sind?

So lässt sich Erfüllung erreichen.

Kommentar:

Es ist wichtig, die eigene Wichtigkeit hintenanzustellen. Wer übt, um Langlebigkeit oder andere Vorteile zu erlangen, hat noch nicht verstanden, daß es auf dem Weg nicht um ihn selbst geht.

Himmel und Erde leben nicht für sich selbst.

Lebe auch du nicht für dich selbst.

Sei wie Himmel und Erde.

 

Im QiGong üben wir, wie Himmel und Erde zu sein. Bei ZweiHändeStemmenDenHimmel nehmen wir über unsere Hände Kontakt mit dem Himmel auf, während wir mit den Füßen in der Erde fest verwurzelt stehen.

Wenn die Verbindung von Himmel und Erde in dir klar, ausgeglichen und ruhig ist, öffnet sich der Raum des Lebens zwischen ihnen.

Selbstlos kannst du Himmel und Erde ruhig halten.

Selbstlos kannst du im Raum zwischen ihnen dein Leben leben.

 

8              KULTIVIERE DEIN TEMPERAMENT

 

Der Weise ist so wohltätig wie Wasser

Das Wasser nützt allen Dingen ohne zu wetteifern

freiwillig fließt es nach unten

und kann so nah dem Dao sein

 

Sei wie Wasser:

Habe ein ruhiges Herz

Gebe mit Wohlwollen

Spreche mit Vertrauen

Herrsche gerecht

Arbeite sorgfältig

Und handele zur rechten Zeit.

 

Wo es keinen Wettbewerb gibt

gibt es keinen Verlierer

 

Kommentar:

 

I: Kannst du dienen, ohne der Erste sein zu wollen? Kannst du dich frei und wohlmeinend dem Dienst an der Welt verschreiben, bedacht auf die eigene Nützlichkeit, nicht den eigenen Nutzen?

Indem du dich wie Wasser nach unten begibst, und die Dinge tust, die sonst niemand tun will, nützt du der Welt am meisten. Sei demütig und bescheiden und nimm freiwillig den Platz ein, an dem niemand anders stehen mag. Was nützt es, ob du den schönen Platz am Fenster hast?

Sei wie Wasser und lerne, die Dinge zur rechten Zeit zu tun.

 

II: Beim HebenUndSenken spüre den geschmeidigen Widerstand des Qi, das sich anfühlt wie Wasser. Bewege dich weich, spüre, wie du verdrängst, bewegst, und bewegt wirst. Übe alle Übungen mit dem Gefühl, wie im Wasser zu stehen.

Für tiefere Erfahrung übe TaiChi.

 

III: Denke immer daran, den niedrigen Platz einzunehmen. Dann wirst du allen Wesen so willkommen wie Wasser sein. Ohne Wettbewerb gibt es nur Gewinner.

 

9              PRAKTIZIERE GEWÖHNLICHKEIT

DAS GESCHENK DES DAO

 

Die Tasse zu füllen bis sie überläuft

ist nicht so gut wie zur rechten Zeit aufzuhören

Das Messer, das zu oft geschärft wird

hält nicht sehr lange

Gold und Jade im Haus zu haben

lockt die Diebe herbei

Die Reichen in ihren hohen Positionen

fürchten jederzeit das Desaster

 

Zieh dich zurück, sobald das Werk getan ist

Das ist die Natur des Dao

Kommentar:

Die Gier und das Ego sind die natürlichen Feinde unserer Entwicklung. Ebensowenig hilfreich, wie zu viel zu essen oder Schätze anzuhäufen ist es, über das Maß hinaus zu üben, oder gar mit deiner Entwicklung zu prahlen. Zieh dich zurück, sobald das Werk getan ist, so kannst du weiter dem Dao folgen.

 

Wichtiger als das exzessive Üben ist das regelmäßige Üben. Allein die tägliche Praxis garantiert Fortschritte. Und die ist nichts, über das zu prahlen wäre. Mache deine Übungen, aber beweise niemanden etwas damit. Sei nicht weise oder originell, mache nur deine Übungen.

 

 

10              DIE GRUNDLEGENDE TUGEND

STREBE NACH SINGULARITÄT

 

Kannst du deinen Geist so ruhig halten,

daß er sich von sich selbst nicht trennt

und die Singularität - das Dao - erreicht?

Kann dein Qi so weich und kraftvoll sein

wie das eines Babys?

Kannst du deine Gedanken klären,

so das sie rein sind und ohne Haken?

Kannst du die Menschen lieben

und deinen Körper beherrschen

ohne Mühe?

Kannst du die Natur und die Welt verstehen,

ohne etwas wissen zu müssen?

Kannst du das himmlische Tor

so ruhig und sanft halten

wie eine werdende Mutter?

 

Geboren werden und aufwachsen

Aufwachsen ohne Besitz

Etwas erreichen ohne Arroganz

Etwas großziehen ohne zu beherrschen

Das ist die grundlegende natürliche Tugend

 

Kommentar: Singularität bedeutet, daß dein Körper und dein Geist eins sind. Sie unterscheiden sich nicht voneinander, weil sie nicht getrennt sind.

Um dies zu erreichen, ist es nicht nur wichtig, daß dein Geist klar und dein Körper ruhig und voll Qi ist, sondern auch, daß dies aus dem Gefühl des Wuwei entsteht, des Nichttuns. Das Baby verkörpert die perfekte Harmonie: Mühelos vereint es Kraft und Weichheit.

Training allein reicht also nicht. Das Training muß so selbstverständlich werden, wie Geburt, Wachstum und Tod. Dem Weg folgen heißt nicht, etwas erreichen zu wollen, dem Weg folgen heißt, so selbstverständlich zu werden wie das Leben selber. Dies ist hier beschrieben: In der Singularität wird die Essenz in Qi überführt, und das Qi zu Shen, dem bezeugenden Geist, der wiederum in die Leere konvertiert. Das ist die Langlebenskunst der Daoisten.

 

Der Text lässt sich direkt als Meditationsanleitung lesen: Fragen, die man sich bei der Meditation stellt. Aufgaben, die es bei der Meditation zu erreichen gilt.

 

 

11              DER INNEREN FÜHRUNG FOLGEN

 

Dreißig Speichen treffen sich in der Nabe

Dort, wo das Rad nicht ist, ist es nützlich

Türen und Fenster formen das Haus

Dort wo sie nicht sind, ist der Raum

Aus Lehm und Feuer baust du den Krug

Die Leere im Innern ist an ihm gut.

Deshalb:

Das, was du anfassen kannst, ist nur das Werkzeug

das Dao liegt hinter den Dingen.

 

 

 

Kommentar:

Die innere Führung ist nicht an Dingen festzumachen, an Gedanken und Vorstellungen. Die innere Führung kommt aus dem leeren Raum zwischen den Dingen, aus dem Zentrum der Bewegung, aus der Mitte des Raums.

Sich ihr anzuvertrauen heißt, nicht zu entscheiden, sondern zu folgen. Es gibt in der Mitte nur einen Weg, und der folgt dem Dao.

 

Waldspaziergang. An unserem Sonnenuntergangsplatz war es windig, deswegen sind wir dem Weg in den Wald gefolgt und suchten am Aalbach die Stelle, von der der mofafahrende Pilzsucher erzählt hat. Hier und da kommt man ran an den Bach, aber dann fanden wir den guten Platz mit Sitzsteinen. Mit nackten Füßen im Bach stehend StandTaiChi gemacht, Den Eisvogel gesehen mit blauem Flügel und orangem Bauch. Auf den Rückweg den Hohlweg genommen, der im Dickicht endete, aber der Bachlauf vom Zubringer war trocken, und so liefen wir da hindurch weiter. An der Bahnunterführung des Baches verließen wir ihn und kletterten den Gegenhang hinauf, dort lag ein Stamm auf den wir uns setzten, trotz Schräglage, Antjes innerer Führung folgend. Bei ruhigen Balanceübungen am Stamm lief auf einmal ein Fuchs direkt vor unseren Augen an uns vorbei, in aller Ruhe, ohne uns zu bemerken. Unten am Bach schnupperte er nach unserer Fährte und verschwand wieder im Dickicht. Dann gab es noch eine dicke Waldhimbeerenmahlzeit.

Die kleine Wanderung, spontan und ungeplant, entstand aus den Eingebungen des Moments. Der inneren Führung sich anvertrauen heißt, Harmonie zu leben. Keine Entscheidungen treffen, sondern den nächsten Schritt setzen. Nicht sich Gedanken machen, sondern der Idee folgen. Nicht eigenwillig sein, aber unbeirrt. Und immer weich in den Hüften, um sich drehen zu können. Verwurzelt im kwa, um stehen zu können. Leer im Geist, um sehen zu können.

 

 

12              DIE REGULIERUNG DES GEISTES -

SEHNSÜCHTE EINDÄMMEN

 

 

Die fünf Farben blenden die Augen

Die fünf Töne betäuben das Ohr

Die fünf Geschmäcker verwirren die Zunge

Mit den Pferden zu jagen macht das Herz verrückt

Die erstrebenswerten Güter sind Fallen und Hindernisse

Deshalb:

Der Weise kümmert sich um seinen Bauch,

nicht um das was er sieht.

Ihn pflegt er, das andere läßt er.

 

Kommentar: Achte darauf, daß dein Bauch mit Qi gefüllt ist. Achte darauf, in deiner Mitte zu sein.

Die Farben entstehen aus dem Farblosen, im Potential des Nichtseins ist alles enthalten. Halte dich nicht auf mit den äußeren Erscheinungen, sondern dringe vor zum Kern des Seins, wo es aus dem Nichtsein entspringt.

Halte dich in deiner Mitte und atme.

Um dein Qi im unteren DanTien zu kultivieren, ist es nötig, die „sieben Leidenschaften“ zu regulieren: Freude, Wut, Traurigkeit, Fröhlichkeit, Liebe, Haß und Lust- Diese Sehnsüchte entspringen aus den sechs Sinnen: Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körperempfindungen und Emotionen. Sie sind jederzeit dazu in der Lage, uns aus unserer Mitte herauszulocken und uns dem Chaos der zehntausend Dinge zu überantworten.

Sei dir also bewußt, das der wahre Ton nur aus der Stille entsteht. Nicht schmeckt so gut wie klares Wasser. Die Erscheinungen sind nicht der Weg. Der Weg liegt in der Mitte

 

 

13              DEN KÖRPER REGIEREN -

DEN STATUS IGNORIEREN

 

Ehre und Schande sind beide schlimm

So schlimm wie ein Gebrechen

Was heißt das: Ehre und Schande sind beide schlimm?

Die Ehre des Hohen fürchtet er zu verlieren?

Die Schande des Niedrigen fürchtet er zu erdulden.

Deswegen ist beides schlimm.

Was heißt: So schlimm wie ein Gebrechen?

Nur den, der einen Körper hat

kann ein Gebrechen befallen

Aber wer sich selbst nicht hat, wie könnte er leiden?

Deswegen:

Schätze dich selbst so wert wie die Welt

Dann bist du wert, der Welt zu dienen

Liebe dich selbst so wert wie die Welt

Dann kannst du die Welt führen.

 

Kommentar: Man muß ein wenig um die Ecke denken, doch der Gedanke ist einfach: Solange dich die Welt besorgt, ob du in Ehre oder Schande lebst, solange leidest du wie unter einer schweren Krankheit. Schätze dich selbst wert, unabhängig von der Meinung der Anderen, und man kann dir die Welt anvertrauen.

Übersetze „Welt“ mit „dein Körper“. Um deinen Körper gesund zu erhalten, ist es wichtig, sich nicht um die Meinung der Anderen zu besorgen. Du mußt tun, was für dich richtig ist.

Um das Richtige zu tun, ist es wichtig, sich um sich selbst zu kümmern, nur so bemerkst du das Desaster, wenn es kommt. Nur so bemerkst du, was für ein Desaster es ist, auf die Meinung der Anderen zu achten:

Du verhungerst, weil du vegan leben willst wie die Anderen, oder du verfettest, weil du Fleisch essen willst wie die Anderen. Aber was willst du selber essen? Was braucht dein Körper?

Fürchtest du die Blicke der Leute, wenn du deine Übungen machst, oder machst du sie nur, um sagen zu können, ich habe sie gemacht? Wem willst du etwas beweisen?

Solange du die Meinung der Welt wichtiger nimmst als dich selbst, solange bist du gefangen im Leiden. Erst wenn du lernst, dich selbst zu achten, kannst du deinen Platz in der Welt einnehmen.

Erst wenn du dich selbst so liebst wie deinen Nächsten, kann man dir die Welt anvertrauen.

 

14              LOB DES DAO

DAS ERSCHEINEN DES GEISTES

 

Du kannst es nicht sehen, guckst du nach ihm

Du kannst es nicht sehen, hörst du nach ihm

Du kannst es nicht greifen, fasst du nach ihm.

Diese Dinge sind nicht zu verstehen

und im Grunde eins.

Im Himmel nicht klar, im Tal nicht dunkel

stetig und endlos und ohne Namen

kehrt es immer zurück ins Nichtsein.

Die Form des Formlosen

die Erscheinung des Nichtseins.

Sein Name ist Dao.

Von vorne kein Kopf zu sehen

Von hinten kein Ende.

Nutze das uralte Dao für die Aufgaben von Heute.

Kennst du den Ursprung, kennst du das Prinzip des Dao.

 

 

 

 

Kommentar: Nutzen ja, aber wie?

Was das Dao im großen Universum ist, ist im kleinen Universum des Körpers der unterbewusste Geist, der in der Gehirnwellenresonanzkammer zwischen den Gehirnhälften am limbischen System verortet ist. Dieser Geist ist nicht zu erreichen, indem du auf ihn zugreifst. Er ist unsichtbar und unhörbar. Er entzieht sich dem bewussten Zugriff.

Aber in der Meditation kannst du ihn erfahren. Und du kannst ihm folgen, indem du das Prinzip des WuWei, des Nichttun anwendest. Denn wenn dein Geist ruhig, still und zufrieden ist, ungestört von emotionalen Turbulenzen oder ehrgeizigem Wollen, dann zeigt er sich ganz natürlich, als die alles durchdringende Form des Formlosen. Wenn du nicht nach ihm siehst, kannst du ihn aus den Augenwinkeln erhaschen, wenn du nicht nach ihm hörst, flüstert er dir den Weg zu.

So übst du Meditation nicht, um Weisheit zu erlangen, sondern um leer genug zu werden, die Weisheit zu verstehen.

 

 

15

 

Die alten Weisen, die dem Weg noch gefolgt sind

kannten das subtile, wunderbare, mysteriöse Dao,

dessen Tiefe tiefer als jedes Verständnis ist.

Und weil es nicht verstanden werden kann,

kann es zögernd nur mit Bildern beschrieben werden:

Vorsichtig, wie einen Fluß im Winter zu queren

aufmerksam, wie bei Streit mit den vier Nachbarn

umsichtig, wie ein Gast in fremdem Haus

einsichtig, wie schmelzendes Eis

wundervoll, wie ein roher Jadestein

offen wie ein weites Tal.

 

Wenn du im Dunkeln bist und im Trüben fischst

Wer kann es schaffen, das Wasser zu klären?

Wer kann den Schlamm beruhigen, daß er sich setzen kann?

Wer kann aus der Ruhe es wieder lebendig werden lassen?

Wer dem Dao folgt, nimmt nicht zuviel

Denn wer nicht zuviel nimmt

kann das Alte bewahren.

 

Kommentar:                            Es gibt nur einen Menschen auf der Welt, der deine Probleme lösen kann, und das bist du selber. Was immer dich bekümmert und besorgt, das ist dein Kümmernis und deine Sorge. Widme dich den Dingen derer du dich annehmen kannst, und das bist in allererster Linie du selber. Deine materiellen Umstände sind so wie sie sind, an den politischen Gegebenheiten kannst du nichts ändern und deine Probleme lösen sich nicht dadurch, daß du sie schwer nimmst und sie in deinen Gedanken immer wieder aufwühlst. Mach das, was du zu machen hast, und je sorgfältiger du dich um dich und dein Leben kümmerst, vorsichtig und aufmerksam, umso mehr deiner Probleme werden sich lösen oder klären.

Es gibt kein Patentrezept, und das Dao kann letztlich nicht verstanden werden, deshalb ist das einzige, was zählt, deine Übung, die Sorgfalt, die du dir und den Dingen angedeihen lässt. Bemühe dich, aber verlange nicht von dir, das Beste daraus zu machen. Nimm nicht zuviel, es reicht, wenn du dir deinen Teil nimmst.

Sei du selbst und folge deinem Weg: Vorsichtig, aufmerksam, umsichtig, einsichtig, wundervoll und offen für das Leben.

 

QiGong ist der erste Schritt auf diesem Weg,

Die tägliche Übung ist das einzige Werkzeug, das zählt.

 

Anmerkung: „Nimm nicht zuviel“. Oft kommen Übende, nachdem sie die Möglichkeiten und den Effekt der Übungen verstanden haben, an den Punkt, da sie mit Macht alles auf einmal und in kürzester Zeit erreichen wollen. Das kann nicht funktionieren. Es gibt dazu folgende Geschichte: Ein Schüler kommt zum Meister, und fragt ihn, wie lange es dauert, bis er die Erleuchtung erlangen könne. Der Meister überlegt eine Weile, dann sagt er: „Wenn du immer fleißig übst, zehn Jahre.“ Der Schüler ist aber nicht zufrieden, und fragt weiter: „Und wenn ich sehr fleißig bin, und jeden Tag das doppelte übe?“. Der Meister überlegt wieder einen Moment und sagt dann: „Dann dauert es zwanzig Jahre.“ Der Schüler will sich aber immer noch nicht zufrieden geben und fragt schließlich: „Und wenn ich mich ganz und gar der Übung widme und von Morgens bis Abends alles daran setze?“ Da schüttelt der Meister den Kopf: „Dann wirst du es nie erlangen!“

Der Weg braucht seine Zeit, und so wichtig es ist, gewissenhaft seine Übungen zu machen, so wichtig ist es auch, sich die Zeit zu geben, die die Entwicklung braucht. Wenn du zuviel übst, kann sich das Wasser nicht setzen, und du bringst dich selbst um die Frucht deiner Arbeit. Es fehlt dir an Vorsicht und Einsicht, und du verschließt dich für das Leben. Das ist der Zweck dieser Mahnung.

Es ist Teil der Übung, die Zeiten auszudehnen. Wenn es dir als Anfänger gelingt, eine Viertelstunde am Tag zu üben, dann hast du viel geschafft. Erst dann wird dir das nicht mehr reichen. Shi Heng Yi sagt, eine Stunde reicht nicht. Die Mönche üben sechs oder acht Stunden am Tag, weil sie sich eine Struktur geschaffen haben, in der das möglich ist. Aber es ist ein Weg, der dahin führt, nicht ein Wille, der sich mit Macht durchsetzt. Eine Stunde ist ein gutes Maß, das man als im Leben stehender Mensch erreichen kann: Meditation, Qi Gong, einige dynamischere Übungen: Etabliere erstmal das in deinem Leben, bevor du höhere Ziele anstrebst. Nimm nicht zuviel. (Natürlich spricht nichts dagegen, auch mal, bei Zeit und Gelegenheit, länger und intensiver zu trainieren, aber beiße dich nicht daran fest. Bruce Francis spricht von der 70% Regel: Wenn du übst, nutze nur 70% deines theoretischen Potentials, damit die Übung aufbauend wirken kann. Wenn du 100% nutzt, dann erschöpfst du dich selber, und was du an einem Tag gewinnst, verlierst du am andere Tag wieder.)

 

16              DIE RÜCKKEHR ZUR WURZEL

WAHRE BESTÄNDIGKEIT

 

Erreiche das ultimative Nichtsein

und bewahre die ernsthafte Aufrichtigkeit

Die zehntausend Dinge bewegen sich alle -

darum beobachte ihre zyklischen Wiederholungen

Trotz allem Werden der Dinge / kehren sie

immer wieder zu ihrem Ursprung zurück

 Die Rückkehr zum Ursprung heißt Ruhe

und bedeutet die Wiederholung des Lebens.

Die Wiederholung des Lebens heißt Beständigkeit

und Beständigkeit zu kennen bedeutet Klarheit

Ohne Beständigkeit zu kennen / wird dich Ruhelosigkeit               

und Umtriebigkeit ins Verderben stürzen

Akzeptiere die Beständigkeit

akzeptiere und vervollständige sie

Vervollständige sie und fülle sie;

erfüllt, stimmt sie mit dem Himmel überein

Der Himmel ist das Dao, dem Dao folgen ist ewig

Sterbe, ohne zu vergehen

 

Kommentar:               Es ist klar, daß die „Unsterblichkeit“ von der in taoistischen Texten manchmal die Rede ist, keine körperliche Unsterblichkeit meint. Vielmehr geht es um das ultimative Ziel des Einsseins mit dem Nichtsein, aus dem sich das Einssein mit der Welt ergibt. Wenn du von der Welt ungeteilt bist, ist das Sterben nur ein Teil des ewigen Werdens, und da du eins bist mit der Welt gibt es nichts, was wirklich stirbt.

In diesem Sinne ist Unsterblichkeit nichts, was nur den höchsten Adepten geheimer Schulen zur Verfügung stünde, sondern die jedem zugängliche Gelassenheit, sich an den Zyklen des Lebens zu orientieren und seine Kreise zu erfüllen. Sterben ist ein natürlicher Prozess, der in seiner harmonischen Form so wundervoll ist wie alles Leben. Die Farben des herbstes sind die schönsten, und aus der Klarheit des Winters entsteht neues Leben.

 

In der QiGong Praxis ist davon die Rede, sich mit dem natürlichen Geist zu verbinden, dem Shen im oberen Dantien, das zugänglich wird, indem du das Denken leerst und im vorsubstantiellem Zustand hältst.

Während dein unteres Dantien dir das Qi zur Verfügung stellt, bestimmt das obere Dantien die Qualität des Qi. Erst, wenn dir die Klarheit des Shen zur Verefügung steht, kannst du daran gehen, die beiden Pole zu vereinigen. Diese Vereinigung wird realisiert durch die embryonische Atmung.

Ist der Geist klar, und der Körper ruhig, kannst du mit deinem Bewußtsein deinen Geist aus dem oberen in das untere Dantien führen und beide synchronisieren. Das ist die Vereinigung von Körper und Geist, Qi und Shen, Mutter und Sohn.

(Die embryonische Atmung ist eine Fortführung der regulären Bauchatmung. Hat man gelernt, die Bewegung des Bauches zu nutzen, um zu atmen, geht es zunächst darum, die Bewegung locker, harmonisch und vollständig werden zu lassen. Aus dieser Lockerheit heraus lässt sich noch eine andere Art von Bewegung ausmachen, wo es nicht mehr um die physische Bewegung des bauches geht, sondern um eine innere Bewegung, ein inneres Auf- und Abstreben. Die letzte Bewegung, die übrig bleibt, ist eine Anspannung bei der Einatmung und ein Loslassen bei der Ausatmung, mit der der Bauch tief und breit nach unten fällt. So werden Körper und Geist ruhig und können sich vereinigen.)

 

Die großen Ziele, die Unsterblichkeit, das Einssein mit der Welt, die Vereinigung von Körper und Geist, werden verwirklicht durch die tägliche Übung, mit der wir uns ihnen annähern. Wir stehen in unserem täglichem Leben und scheitern notgedrungen immer wieder und müssen Rückschläge hinnehmen. Es ist ein langer Weg, von schlechten Angewohnheiten zu lassen, oder die Fallstricke des Egos zu enttarnen. Aber was man immer tun kann, ist üben. Üben im Sinne von QiGong machen und meditieren, üben aber auch im Sinne von stets zu üben, das Richtige zu tun, sich in der Lebensführung zu üben: Das zu tun, was einem gut tut, das zu lassen, was einem schadet, sich selbst hinterfragen und den eigenen Anteil am Streit sehen, Einsicht zeigen und einsichtig sein. Welche Läßlichkeiten erlaubst du dir, oder wo bist du zu streng mit dir selber? Vor welcher Arbeit drückst du dich? (etc.)

So ist das ganze Leben Gelegenheit zum Üben.

Allerdings: Du kannst das zweite nur üben, wenn du auch das erste machst. Das Üben der Techniken ermöglicht es dir erst, das Üben des Lebens zu verstehen. Mach täglich deine Übung, und du weißt, was ich meine.

 

Aufgabe: Die Rückkehr zur Wurzel

Setze dich hin zur Meditation. Achte bei jedem Atemzyklus darauf, wie du am Ende der Ausatmung zur Wurzel zurückkehrst. Der aufsteigenden Einatmung folgt die Rückkehr ins untere Dantien. Dort wurzelt die Ruhe, die Mutter aller Bewegungen. Dort beginnt die Beständigkeit des ewigen Kreislaufs.

 

17

In den alten Zeiten wussten die Leute nicht mehr von ihren Königen, als daß es sie gibt

Später liebten die Leute sie und verehrten sie

In jüngeren Tagen wurden sie gefürchtet

Und Heutzutage verachtet man sie.

Wenn die Führer nicht genug vertrauen,

Vertrauen ihnen die Leute nicht.

Der weise Herrscher regelt Dinge ruhig

und schätzt sein Wort

Und wenn alles getan ist sagen die Leute:

Seht her, das haben wir selbst gemacht!

 

Da Du der Herrscher Deines Körpers bist, lese das Gedicht so:

 

Als Du jung warst, war es Dir gerade bewusst, daß es Dich gibt

Später liebtest Du Dich selbst und Deine Möglichkeiten.

Dann aber fürchtetest Du Deine Schwächen

Und nun strafst Du mit Verachtung Deinen leidenden Körper.

Vertraust Du Dir selbst nicht

Verrät Dich Dein Körper.

Regele die Dinge ruhig und achte auf das, was Du sagst

Und am Ende des Tages

Regelt sich alles wie von selber.

 

Kommentar:

Wenn Du merkst, daß Du Dich wieder mal verrannt hast, daß Du achtlos warst und unaufmerksam und Deinen Liderlichkeiten Raum gegeben hast, dann verbinde Deinen Geist erneut mit dem ursprünglichem Bewußtsein, so wie Du es schon als Kind getan hast.

Sei Dir bewußt nur, daß es Dich gibt, daß Du atmest. Spüre Deinen Körper, die Erde, die Dein Gewicht trägt, die Luft, die Geräusche, die unmittelbare Umgebung. Was hindert Dich daran, die Dinge ruhig zu tun, ohne Hast, und wie ein weiser Herrscher die Dinge so zu regeln, daß sie sich wie von selbst regeln? Sei Du selbst, vertraue Deinem inneren Gefühl und tu das, was Dir am nächsten liegt: den nächsten Schritt.

 

18              SECOND BEST

 

Wird das große Dao verlassen

Gibt es noch Wohlwollen und Rechtschaffenheit

Wo Intelligenz sich zeigt

ist der Hochmut nicht weit

Sind die sechs Beziehungen nicht harmonisch

Gibt es doch noch Liebe und Freundlichkeit

Versinkt das Land im Chaos

Gibt es noch loyale Patrioten

 

 

Kommentar: Es gelingt nicht immer, dem Dao zu folgen. Das macht den Wert der Sekundärtugenden aus. Auch auf Irrwegen kann man wenigstens wohlwollen und rechtschaffen sein, sich nicht mit Cleverness hervortun, seine Familie lieben und zu seinem Land stehen. Das ist nicht der Weg, aber es ist wenigstens etwas.

Nicht jeden Tag gelingt es, die Übungen mit aufrechter Ernsthaftigkeit und der ganzen Tiefe des Dao auszufüllen, oft genug machen wir nur die Bewegungen und lassen unseren Geist umherwandern. Das ist dann nicht gut, aber es ist der Status dessen, was ist, und wenn wir in dem Moment nicht höher hinausgelangen, müssen wir uns damit zufriedengeben. Die stetige Übung ist es, die uns voranbringt, und besser einmal schlecht gemacht, als einmal nicht gemacht.

Denn auch der Weg zurück zum Dao führt über die genannten Tugenden: Von der Pflicht über die Liebe zur Aufrichtigkeit: Du tust, was Du zu tun hast. Du liebst deine Familie. Du übernimmst aufrecht und wohlwollend deine Verantwortung. So kannst Du Dich wieder dem Dao nähern. Hüte Dich nur davor, clever sein zu wollen, damit Dein Fortschritt nicht in Hochmut mündet.

 

19           SEI GANZ EINFACH -

GANZ EINFACH SEIN

 

Verlasse die Weisheit und meide die Klugheit

so wirst du gesunden

Verlasse die Tugend und meide Gerechtigkeit

so werden Liebe une Zutrauen wieder möglich.

Verlasse den Eifer und meide Profit

so werden die Neider verschwinden

Und da diese drei Dinge nicht reichen,

halte dich an die folgenden Regeln:

Sprich geradeheraus und werde einfach,

mindere Dein Ego und zügele Dein Wollen

lerne weniger und es gibt keine Sorgen.

 

Kommentar: Wie jetzt? Ich soll nicht weise sein? Warum mache ich denn das alles? Will ich nicht die Weisheit erlangen, in Harmonie zu gesunden?

Wenn Du so fragst, dann verstehe, daß die Weisheit nichts ist, was Du erlangen kannst, sondern ein Stadium, in das Du zurückkehrst. Weisheit ist, abzulassen von all den falschen Konzepten, die wir uns machen, nicht zuletzt von denen, die wir uns von der Weisheit machen. Tugend und Gerechtigkeit zeigen sich nicht da, wo sie sorgsam gemessen werden, sondern da, wo Liebe und Zutrauen herrschen. Wenn Du mit nichts angibst, zeigen sich keine Neider und es gibt keine Diebe.

In Deinem Körper sind die Krankheiten die Neider und Diebe, die an Dir nagen und Dich hinterrücks schwächen. Gib Ihnen keinen Raum. Tu Dich deshalb nicht hervor.

Einfach sein mit gerader Rede, selbstlos sein und ohne Zwecke: Frei von den Banden der Gelehrsamkeit verwirklichst Du das Dao. Das ist die Weisheit. Verlasse sie, oder Du wirst sie nicht erlangen können. Denn was Du jetzt gegriffen hattest, war ein Konzept von der Weisheit, aber nicht die Weisheit selber. Verstanden?

Dann hör auf, es zu verstehen. Sei ganz einfach.

 

 

20

 

Gibt es einen Unterschied zwischen Widerstand und Schmeichelei?

Gibt es einen unterschied zwischen gut und böse?

Was die Leute fürchten, das kann man nicht nicht fürchten

Die Verzweifelten sind weit weg vom Dao - welch grenzenlose Weite

Die Leute sammeln sich, sind aufgeregt

sie feiern ein Fest, sie prozessieren zum Berg im Frühling

Ich allein bin ohne Sehnsucht, nicht beachtenswert

Wie ein Kind, das nicht lächelt, müde wie ein Wanderer ohne Heim

Alle haben ihr Auskommen - ich allein bin arm

Ein Narr bin ich durch und durch - so ignorant

Die leute sind so klug, nur ich bin immer verwirrt

Die Leute wissen, wie es geht, nur ich bin ungeschickt

Die Leute haben ihre Zwecke, und ich erscheine ihnen blöde und tief.

Ich bin ruhig wie ein Ozean - den Wind lass ich fliegen

Ich bin anders als die Anderen - aber ich schätze die lebensspendende Mutter.

Kommentar: Was sich liest wie eine larmoyante Klage, ist in Wahrheit eine ernstgemeinte Anweisung: Lass dir die Meinung der Leute egal sein, lass sie feiern, lass sie erfolgreich sein, du tust am besten daran, dich um die naheliegendsten Dinge zu kümmern: Deine Gesundheit, dein Leben.

Die lebensspendende Mutter zu schätzen heißt, dankbar zu sein für das was du hast und für den Ort, an dem du bist. Hat dir die Erde nicht immer gegeben, wie du es brauchtest?

Du kannst dem Gerede der Leute nicht entkommen, du lebst in ihrer Mitte und bist auch nicht unbeeinflusst. Umso wichtiger ist es, daß du deinen Weg verfolgst.

Wisse auch, daß eigentlich jeder auf seine Weise anders ist, und sich so fühlen kann wie hier beschrieben. Es ist in der Gesellschaft wichtig, eine Maske zu tragen und das nicht zu zeigen, aber so wurden wir zu einer Gesellschaft von Lügnern und Angebern.

Zur Ehrlichkeit gehört, sich seine Schwäche einzugestehen, den Zweifel, die Sorge. Nur, was wir uns eingestehen, lässt sich überwinden.

Übungsanleitung (19+20):

Mache eine QiGong Übung viermal (am besten ZweiHändeStemmenDenHimmel). Beim ersten Durchgang beobachtest Du, wie du die Übung machst. Beim zweiten Mal mache die Übung mit dem Bewußtsein, daß du die Übung machst, also fülle die Übung mit deinem Bewußtsein. Im dritten Durchgang fülle die Übung mit Qi, lasse das Qi deinen Körper in der Übung durchströmen. Beim vierten Mal werde eins mit der Übung. Sei die Übung.

 

Dies sind im Grunde vier Entwicklungsstadien des Praktizierens im Allgemeinen. Beginne stets mit der Beobachtung von dem, was ist. Nur an dem, was du wahrnehmen kannst, kannst du üben. Dann fange an, dir dessen bewusst zu werden, was du tust. Das ist die Wiederentdeckung des Körpers. Dann fülle deone Bewegungen mit Qi. Das ist die Wiederentdeckung deiner Kraft und deiner Möglichkeiten. Das Einssein mit der Übung ist schließlich die Wiederentdeckung des wahren Selbst, das von der Welt nicht getrennt ist.

 

 

21

 

Der große Weg erscheint dem Dao folgend.

Beschreibt man das Dao, weiß man nicht, ob es ist oder nicht:

Obwohl zweideutig, scheint da ein Bild zu sein

Obwohl unreifbar, scheint es da zu sein

Obwohl so tief und dunkel, scheint da eine Essenz zu sein.

Die Essenz, so wahr und nah, gibt dir Vertrauen

Von den alten zeiten bis zum heutigen Tage

hat man das Dao nicht vergessen

So das wir heute die Natur aller Dinge verstehen können.

Woher ich die Natur der Dinge kenne?

Durch dies.

Kommentar:

Die Essenz findet sich, sobald du in deiner Mitte angelangt bist. Deine Mitte ist der Ort, an dem du du selber bist. In ihr zu ruhen ist die Grundvoraussetzung für ein entspanntes und harmonisches Leben.

 

Übungsanleitung:

Es gibt eine Meditation, die hilft, diesen Weg in die Mitte zu begehen. Du schließt dich mit einer kreisenden Bewegung an eine Energiespirale an, die von oben nach unten führt. Lasse dich tief in deine Mitte hereinsinken und beginne mit der Bewegung aus dem hara heraus- Lehne dich nach links, nach hinten, nach rechts, nach vorne und kreise um deinen Mittelpunkt, immer bestrebt, weiter nach unten zu sinken. Der Oberkörper ist aufgerichtet, wie aus einem Guß. Lasse die Bewegung so rund wie möglich sein. Schultern entspannen, Kiefer entspannen, den Nacken lang werden lassen, der Kopf ruht obenauf. Glätte deine Gesichtszüge. Atme ruhig und entspannt, ohne einen Takt zu forcieren. Atme nicht bemüht oder gewollt, sondern frei und natürlich, mit dem natürlichen bestreben, zur Mitte, zur Ruhe zu kommen. je ruhiger du atmest, desto besser kannst du in deine Mitte sinken.

Aber aufgerichtet bleiben! Es ist wichtig, inder Meditation die Aufmerksamkeit für diese Dinge zu behalten, denn es nützt wenig, wenn du krumm und zusammengesackt dir die Energiespirale nur einbildest, statt dich an sie anzuschließen. Die Energiespirale ist nicht ein bloßes Gedankenbild zur veranschaulichung, sondern es handelt sich um eine konkrete bioelektrische Manifestation der Energiebahnen deines Körpers und seiner Verbindungen zu Himmel und Erde. Je klarer, ruhiger, ausgewogener deine Bewegung ist, umso besser kannst du dich in deinem Zentrum verankern, und umso mehr Qi generierst du aus dieser Übung. Das ist das Qi, aus dem die neue Essenz geschmiedet wird. Je mehr essentielles Qi du hast, umso weniger bist du auf die externen Quellen von Luft und Nahrung angewiesen, und in der Folge wird dein Geist klar und stark werden und deine Emotionen im Schach halten können. Du wirst aufhören, dich unvernünftig und selbstzerstörerisch zu verhalten und mehr und mehr das Leben führen, das du dir für dich vorstellst, wenn du aus deiner Mitte heraus lebst.

 

 

22              SICH BIEGEN UM AUFRECHT ZU SEIN

 

Sich aufgeben heißt ganz werden

sich biegen um aufrecht zu sein

Was leer ist wird voll

was sich erschöpft, wird erneuert

Wer nichts hat, kann empfangen

wer hat, der kann verlieren

Der Weise schätzt das Eine

und wird so eins mit der Welt

Er leuchtet, ohne sich ins Licht zu rücken

Ohne sich zu preisen, wird sein Name gekannt

Ohne zu beteuern, wird ihm Vertrauen geschenkt

Ohne sich zu zeigen ist er Vorbild für die Welt.

Weil er nicht wettstreitet

Kann die Welt sich nicht mit ihm streiten.

Der alte Spruch: Sich aufgeben heißt ganz werden

Ist er nicht wahr?

Werde ganz und kehre zur Einheit zurück.

 

 

Kommentar:               Aufgeben ist in der Tat wichtig, um ganz zu werden: Aufgeben muß man seine illusionen und Ausflüchte. Wenn man die alten Verhaltensweisen nicht aufgibt, wie soll sich neues entwickeln können? Auf dem Weg zur Ganzwerdung gibt es eine menge Dinge, die aufzugeben sind. Das entspricht auch dem Zyklus vom Werden und Vergehen. Aufgeben heißt auch, zu erfüllen. In der Bewegung ist das die letzte Phase vom Ausatmen. Wird hier etwas zurückgehalten, kann sich die neue Atmung nicht frei entfalten: Jede Bewegung ist bis zu ihrem Ende durchzuführen, bis zur Aufgabe und Erfüllung. Wenn alles getan ist, kann die neue Bewegung beginnen.

 

In der Übung KörperBiegen, biegt sich die Wirbelsäule nach hinten, bis zu dem Punkt, an dem die bewegung umschlägt. Der ist erst erreicht, wenn die Biegung durch bis zum letzten Halswirbel gegangen ist. Das ist die Erfüllung der Bewegung. Genau so, wenn dann Wirbel für Wirbel nach unten abgerollt wird, bis die Bewegung wieder beim Steißbein angekommen ist. Auch die letzten Wirbel wollen „aufgegeben“ werden: Ohne Widerstand sich der Bewegung beugen.

In dieser Übung wird der Aspekt der Aufgabe erreicht durch das Loslassen. Die innere Bereitschaft zum Loslassen ermöglicht es, bestehende Verspannungen aufzulösen und tiefer in die Dehnung hineinzugehen. Auch hier gilt: Die Verknüpfung von physischen und psychischen Phänomenen ist keine bloße Allegorie, vielmehr zeigen sich im Körper die Ergebnisse der geistigen Anlagen: Erst das fehlerhafte Denken führt zu einem fehlerbehafteten Körper. Indem wir die Schwachstellen des Körpers durch die Übung offenlegen, legen wir die zugrundeliegenden psychischen ursachen frei, und erst, indem wir auch diese bearbeiten - alsmodisch könnte man diesen Prozess Läuterung nennen - beginnen wir, das Problem im Ganzen zu lösen. Unangenehme Erinnerungen, Scham- oder Schuldgefühle und vergleichbare Emotionen können, werden und sollen mit der Übung freigesetzt werden, denn solange sie in unserem Körper eingespeichert sind, belasten sie uns als Verspannung und bewusstem oder unbewusstem Schmerz, im schweren Falle auch als tödliche Krankheit. Darum ist der Weise so erpicht darauf, nicht zuviel, nur das Eine festzuhalten:

Alles andere würde ihn belasten und krank machen. Nur das Eine ist wichtig: Alles andere ist am Besten aufzugeben.

Was ist das Eine?

Das, was auf dem Weg dein nächster Schritt ist. Den Schritt bis zum Ende gehen, ihn dann aufgeben, um bereit für den nächsten Schritt zu sein.

 

Auch ein dritter, grundsätzlicherer Aspekt steckt in der Aussage: Es ist der von Yin und Yang. Wir lernen nicht, aufrecht zu gehen, indem wir uns immer nur nach oben strecken, und wir lernen auch nicht, entspannt zu sein, indem wir jede Anspannung vermeiden. Im Gegenteil braucht es die Beugung , um sich wieder aufrichten zu können, und braucht es die Anspannung, um Entspannung erfahren zu können. Die gegensätzlichen Pole durchdringen sich und bedingen einander. Deshalb streben wir nicht nach perfektion, sondern nach Harmonie: Wer sich nicht beugen kann, dessen Aufrichtung ist steif, und wer keine Spannung zulässt, wird sich nicht entspannen können, sondern bleibt träge und lasch.

Harmonie heißt, eine Verbindung herzustellen zwischen den Polen: Sich aufrichten, ohne die Verbindung zu den Füßen zu verlieren, sich entspannen, ohne die innere Achtsamkeit aufzugeben, Yin und Yang durchdringen sich. Hat man dies in seiner Tiefe verstanden, hört man auf in den Kategorien von Erfolg oder Misserfolg, Sieg oder Niederlage zu denken, denn es wird klar, daß diese Dinge einander bedingen. Der Erfolg von heute führt zur Niederlage von morgen und umgekehrt. „Ins Verlieren investieren“ heißt es deshalb im Kampfkunsttraining: Die Niederlage ist die Mutter des Erfolgs. Der Erfolg ist der Anfang vom Niedergang.

Wer sich beugt, um aufrecht zu sein, vereinigt beide Pole und wird so ganz.

Doch nichtmal das kann genügen: Im I Ging ist die Vollendung (das Erreichen der Harmonie) ein Wurf mit einer miserablen Prognose: Von hier kann es nur noch schlechter werden, und da alles sich wandelt, wird es auch wieder schlechter werden. Der Weise, das sagt der zweite Teil von LaoTse Gedicht, hat deshalb aufgehört, nach Harmonie zu streben: Alles was für ihn zählt, ist das Eine, das vor ihm liegt. Diesere einen Sache versucht er, gerecht zu werden. Alles andere ist Verstrickung und Ablenkung. So bleibt dies eine als größte Weisheit: Tu das, was du zu tun hast.

 

In diesem Fall: Mach deine Übung (KörperBiegen)

 

 

23

 

Die Natur spricht kaum

Aber wir sehen:

Der Sturm wütet nicht den ganzen Morgen

Der Regen fällt nicht den ganzen Tag

Warum? Weil Himmel und Erde so sind.

Wenn nicht mal Himmel und Erde

Dinge dauern lassen

Wieso sollte der Mensch es tun?

 

Die, die dem Tao folgen,

werden mit dem Dao sein

Die, die dem guten Weg folgen,

werden auf einem guten Weg sein

Die, die den Weg und das Dao verlassen,

werden verlassen sein.

 

Wer dem Dao folgt,

wird vom Dao empfangen

Wer auf einem guten Weg geht,

wird von einem guten Weg empfangen

Und wer den Weg verlässt

wird von der Verlassenheit empfangen.

 

Wer ohne Zuversicht ist

dem kann man nicht vertrauen.

 

Kommentar: Karma ist weniger ein religiöses Konzept, als vielmehr ein Naturgesetz: Die Art und Weise, wie ich handele, bestimmt die Art und Weise, wie ich lebe. Trotz aller augenscheinlichen Ungerechtigkeit in der Welt, dem Triumph der Niederträchtigkeit in der Politik, dem unverschuldeten Elend der globalen Massen, ist es so. Wir müssen nicht darauf hoffen, daß der ruchlose Demagoge über seine Fallstricke fällt (diese Hoffnung ist oft vergebens, und auch der Gedanke an die Höllenqualen, die er nach karmischen Gesetz zu ertragen hat, tröstet uns nur wenig). Es reicht zu wissen, daß der, der sich in einer Welt von Freund und Feind wähnt, nie Ruhe hat vor seinen Feinden. Der Politker, der gegen seine Feinde kämpft, kämpft immer. Lass ihn, es ist sein Leben.

Aber was ist mit deinem Leben? Bist du noch dabei, dich gegen die ungerechtigkeiten zu empören, oder manifestierst du bereits eine Welt der Gerechtigkeit, indem du selber gerecht bist? So, wie du der Welt begegnest, begegnet die Welt dir. Bist du fröhlich und lärmend, lebst du in einer fröhlichen, lärmenden Welt. Bist du traurig und verschlossen, lebst du in einer traurigen, verschlossenen Welt. Bist du eigennützig und verschlagen, lebst du in einer eigennützigen, verschlagenen Welt. und bist du gutmütig und hilfsbereit, lebst du in einer gutmütigen, hilfsbereiten Welt.

Deswegen: Wenn uns Feindschaft und Unfriede begegnet, ist die eigentlich wichtige Frage: wo bin ich selber feindselig und unfriedlich? Welche Ursache habe ich gesetzt, daß mir diese Wirkung begegnet? Wir halten uns für friedlich, aber oft sind wir es nicht. Die Welt bietet uns Gelegenheiten, das zu erkennen.

 

Auch unser Körper spiegelt uns das, was wir in unseren Leben leben. Jedes körperliche Problem hat seine Ursache in den Gedanken, mit denen wir unsere Welt bauen. Was wir verdrängen, zeigt sich in Verspannungen, was wir schlucken müssen, zeigt sich in unserem Magen, Kraft, die wir nicht verbrauchen, führt zu Entzündungen, Schwäche, die wir uns nicht eingestehen zu Fieber usw...

Die Wirksamkeit von QiGong beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, daß wir so lernen, unsere Schiefen auszugleichen und ein harmonischeres Leben zu führen. Krankheiten und körperliche Schwächen weisen uns auf die Themen hin, die es zu bearbeiten gilt. Unfälle und Schicksalsschläge führen uns vor Augen, wo wir uns Illusionen machen oder unachtsam sind. Karma ist kein abstraktes Konzept, sondern verweist auf das Prinzip von Ursache und Wirkung. Wollen wir die Wirkung ändern, müssen wir die Ursache ändern. Mit fortschreitender Übung gelingt es immer mehr, die Ursachen und ihre Wirkung zu sehen. Wenn ich trinke, habe ich einen Kater. Wenn ich schlecht über jemanden rede, tritt mir Mißgunst entgegen. Wenn ich zu stur bin, reißen mich Unfälle aus meinem Trott. Instant karma ist, wenn die Bestrafung unmittelbar auf dem Fuße folgt. Welchen Gedanken hatte ich, als die Wespe mich stach? Diesen Gedanken zu verstehen heißt, Karma zu verstehen.

 

24              WARNUNG VOR DEM STOLZE

 

 

Wer auf die Zehenspitzen steigt, steht nicht stabil

Wer die Zügel zu fest anzieht, kommt nicht voran

Wer sich selber schmeichelt, leuchtet nicht

und wer stolz ist, den lobt man nicht.

Wer auf seinen Verdiensten besteht, erhält keine Anerkennung

und wer sich selbst laut preist, ist dem Untergang geweiht

Die mit dem Dao sind, nennen das:

verdorbenes Essen, Tumore

und verachten es

Wer mit dem Dao ist

bringt sich nicht in diese Position

 

 

Kommentar: Auch dies ist ein Aspekt des Karmas: Was hast du davon, mit lauter Eigenwerbung einen Posten zu ergattern, dem du nicht gewachsen bist? Was hast du davon, deine Mitbewerber auszubooten?

Siege, die du mit List oder Gewalt erringst, für die du die Gesetzmäßigkeiten des Weges über Bord wirfst, nähren dich so gut wie verdorbenes Essen. Sie sind wie eine Tumorzelle, die anfängt, ihr böses Werk zu weben.

Deshalb geht es beim Karma nicht etwa um eine Strafe für moralisches Fehlverhalten, sondern um die logische Konsequenz deines Handelns.

„Unverdientes Geld muß man schnell ausgeben, damit es nicht eitert“ heißt es in einem (amerikanischem?) Sprichwort. Auch hier geht es um die Tatsache, daß Besitz belastend sein kann, wenn es deswegen zur Stagnation kommt. ein gieriges oder stolzes Herz ist nicht frei zu geben, und so kommt es zur Stockung (Ablagerungen werden zu Verspannungen, daraus resultieren Fehlstellungen. Sie können auch ein Eigenleben entwickeln und so etwa zum Krebs werden). Besitz bedeutet Verantwortung, und wo die nicht adäquat wahrgenommen wird, fängt der Besitz an, toxisch zu wirken.

Deswegen stellt sich der Taoist nicht in die erste Reihe und sucht nicht seinen Vorteil: Der unverdiente Vorteil liegt schwer im Magen und wird so teuer bezahlt. Besser ist es, bescheiden zu bleiben und demütig, denn so werden Körper und Geist nicht belastet, und ein unbeschwertes Leben wird möglich.

Freundlichkeit, Mitgefühl und Rechtschaffenheit führen zu Frieden, Ruhe und Harmonie. Wer für seinen Eigennutz kämpft, ist davon weit entfernt.

 

 

Bis hierhin erstmal. Genug Stoff ist es ja.

Bei Fragen stehe ich gerne zur Verfügung, über Rückmeldung freue ich mich:

Schreibt an: Passentin23@gmx.de